Bodenseeregion 2018-05-07T09:30:00+00:00

Bodenseeregion

Bodenseeregion

Beteiligte Staaten
Deutschland, Schweiz, Österreich und Liechtenstein

Beteiligte Bundesländer, Provinzen, Regionen
Landkreise Konstanz, Bodenseekreis, Sigmaringen, Ravensburg, Lindau und Oberallgäu sowie die kreisfreie Stadt Kempten (D)
Land Vorarlberg (A)
Fürstentum Liechtenstein (FL)
Kantone St. Gallen, Thurgau, Zürich und Schaffhausen sowie die Halbkantone Appenzell-Innerrhoden und Ausserrhoden (CH)

Bevölkerung: 3,6 Mio.
Fläche: 19.850 km²
Kernstädte: Friedrichshafen, Konstanz, Ravensburg (D); Zürich, St. Gallen, Winterthur (CH), Bregenz/Dornbirn, Feldkirch (A)

Der Verflechtungsraum Bodensee ist eine Vierländerregion (D, A, CH, FL) und befindet sich aus geographischer Sicht in einer zentralen Lage Europas; seine nationalen Teilräume liegen zwar fernab der Hauptstädte Berlin, Wien und Bern, jedoch zwischen den benachbarten Stadt- und Metropolregionen Zürich, Stuttgart und München. Der Bodensee gibt der Region ihren Namen1 und ist ein entscheidender Auslöser für die grenzüberschreitende Kooperation, jedoch besitzt die Region kein eindeutiges städtisches Zentrum. Die Siedlungsstruktur der Bodenseeregion ist mit einer Vielzahl kleinerer und mittlerer Zentren weitgehend polyzentrisch, im Südwesten wird sie jedoch von einer international bedeutsamen Agglomeration geprägt – der Metropolregion Zürich. Die besondere raumstrukturelle Vielfalt zeigt sich in der engen Nachbarschaft dynamischer Wirtschaftszentren, dicht besiedelter Teilräume und ländlich strukturierter Gebiete, in denen die Landwirtschaft bis heute eine prägende Rolle spielt. Die im Süden gelegenen Alpen stellen eine natürliche Barriere der Raumentwicklung dar. Aufgrund ihrer außerordentlichen landschaftlichen Attraktivität und ihres hohen Freizeitwerts wirken sie jedoch gleichzeitig als Motor insbesondere der touristischen Entwicklung.

Die Bodenseeregion ist mehr als eine Tourismusregion: Der Bodenseeraum ist ebenfalls ein Wirtschaftsraum mit Wachstumspotenzial. Die Vielzahl an Unternehmen in unterschiedlichsten Branchen von Industrie, Handel, Handwerk und Dienstleistungen sind Ausdruck einer diversifizierten Wirtschaft. Hohe Exportraten belegen die intensive wirtschaftliche Verflechtung mit den Handelspartnern in den Nachbarländern. Zu den dynamischen Wirtschaftsräumen, die zu den wettbewerbsfähigsten Regionen ihrer Länder gehören, zählen vor allem die Entwicklungsachse Friedrichshafen – Ravensburg – Biberach – Ulm, das Vorarlberger Rheintal, der Raum Konstanz oder die Region St.Gallen-Herisau mit einer differenzierten Branchenstruktur. Der Bodenseeraum ist somit ein attraktiver und wachsender Arbeitsmarkt für (hoch)qualifizierte Fachkräfte und eine international bekannte Tourismusdestination, gleichzeitig ein beliebter Standort für Zweit- und Ferienwohnsitze.

Mit ihren renommierten Universitäten in St. Gallen, Konstanz und Zürich sowie zahlreichen führenden (Fach)Hochschulen nördlich und südlich des Bodensees besitzt die Region nicht nur das wissenschaftliche Potenzial für die Erforschung und Entwicklung zukunftsorientierter Technologien, sie ist zugleich attraktiver Standort für viele High-Tech-Unternehmen im Bio- und Nanotechnologiebereich. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen sind institutionell in der Internationalen Bodensee- Hochschule (IBH) und auf thematischen Plattformen vernetzt.

Städtisches System in der Bodenseeregion (Kartographie: agl der Basis von Geodaten des BBSR und der Regionen)

Insgesamt „wächst“ die Bodenseeregion und setzt sich dabei deutlich von den durchschnittlichen nationalen Entwicklungen in Deutschland und Österreich sowie in Gesamteuropa ab. Dadurch erhöht sich seit Jahren der Siedlungsdruck, insbesondere in sensiblen Teilräumen wie dem Bodenseeuferbereich oder den Alpentälern. Die wirtschaftlichen Verflechtungen und damit die (Berufs)Pendlerbewegungen über die Grenze, insbesondere in die Metropolregion Zürich, nach Liechtenstein und ins Vorderrheintal, nehmen weiterhin zu. Zudem stellt die Bodenseeregion einen Transferraum für die transnationalen Nord-Süd- und Ost-West-Verkehre und damit eine Verbindung mit den benachbarten, großen Wirtschaftsräumen dar. Für das noch engere Zusammenwachsen der Region ist die Qualität grenzüberschreitender Verbindungen entscheidend. Das regionale Verkehrsnetz muss an die an der Bodenseeregion vorbeiführenden europäischen Verkehrsmagistralen angebunden sein, um bestehende Stand-ortnachteile zu kompensieren oder zumindest zu reduzieren. Auch eine sensible Kultur- und Erholungslandschaft wie der Bodensee kann auf eine leistungsfähige Verkehrsinfrastruktur nicht verzichten. Im Gegenteil – sinnvolle verkehrspolitische Maßnahmen können die Umwelt sogar entlasten. Dies gilt insbesondere da, wo bestehende Lücken geschlossen werden können.

Die räumliche Entwicklung in der Bodenseeregion ist seit langem Anlass verstärkter planerischer Bemühungen, die über die einzelgemeindlichen Vorgaben und auch über die bestehenden politisch-administrativen Grenzen hinausgehen, um entsprechende funktionsräumlich adäquate Lösungen zu entwickeln.

Ein wichtiger Impuls für die großräumige grenzüberschreitende Zusammenarbeit war erstmalig die Gründung der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB) im Jahr 1959.

1972 wurde die Bodensee-Konferenz als informelle Plattform für die Bodensee-Anrainerländer und -kantone ins Leben gerufen, um Raumordnungs- und Umweltschutzfragen, insbesondere im Bereich des Gewässerschutzes, gemeinsam zu diskutieren. 1979 fand die Umstrukturierung mit anschließender Umbenennung in Internationale Bodensee-Konferenz (IBK) statt. Seit 1998 vervollständigen der Kanton Zürich und das Fürstentum Liechtenstein die Gebietskulisse der IBK mit insgesamt zehn Ländern und Kantonen (s. www.bodenseekonferenz.org).

Ziel der IBK ist es, die Bodenseeregion als attraktiven Lebens-, Natur-, Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftsraum zu erhalten und zu fördern sowie die regionale Zusammengehörigkeit zu stärken. Die IBK-Kommissionen und IBK-Projektgruppen arbeiten in unterschiedlichen Themenfeldern – vom Umweltschutz über den Kulturbereich bis hin zu Wirtschaft und Verkehr und führen gemeinsame Projekte durch oder regen solche an. Einige Beispiele sind etwa die Internationale Bodensee-Hochschule (IBH), die Förderung von Netzwerken im Kulturbereich, Aktivitäten zum Klimaschutz, das Bodensee-Ticket, der X-CHANGE – Lehrlingsaustausch oder der Ratgeber Arbeit und Wirtschaft. Die IBK als Plattform der Regierungen und Verwaltungen bildet den Kern eines Netzwerks der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit in der Bodenseeregion mit zahlreichen Gremien und Institutionen auf allen Ebenen und zu nahezu allen Themenbereichen, vom Gewässerschutz, Umwelt- und Naturschutz über Wirtschaft, Branchen und Arbeitsmarkt, Tourismus und Verkehr bis hin zu Politik, Kultur und Gesellschaft.

Seit 1991 arbeitet zudem der „Bodenseerat“ mit Mitgliedern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, der die IBK mit Projektinitiativen unterstützt. Im Jahr 2000 folgte die Gründung der Raumordnungskommission Bodensee (ROK-B) als eigenständige Vertretung der Raumplanungsinstitutionen des Bodenseeraums. 2005 wurde die ROK-B zum assoziierten Mitglied der IBK.

Organigramm der Internationalen Bodensee Konferenz (Quelle: IBK)

Mit dem INTERREG-Programm Alpenrhein-Bodensee-Hochrhein begann 1990 eine intensive Phase EU-kofinanzierter Projektarbeit. Mit weit über 100 Projekten und einem Fördervolumen von insgesamt über 28 Mio. Euro war diese europäische Gemeinschaftsinitiative außerordentlich erfolgreich. Viele dieser Projekte setzten Impulse für eine kohärente grenzüberschreitende Regionalentwicklung und trugen zum Aufbau gemeinsamer Grundlagen für die räumliche Planung und Raumentwicklung im Bodenseeraum bei. So wurden beispielsweise im Rahmen des INTERREG IIIA-Projektes „DACH+“ ein gemeinsames EDV-gestütztes Rauminformationssystem aufgebaut, Handlungsfelder für die grenzüberschreitende Raumentwicklung identifiziert und im Rahmen von INTERREG IV weiterentwickelt.

In regelmäßigen Zeitabständen werden planerische Entwicklungsziele für die Bodenseeregion formuliert. Teilweise wurden die räumlichen Planungen grenzüberschreitend erarbeitet und verabschiedet, teilweise erlangten sie, wie das 1994 auf der IBK-Regierungschefkonferenz in Meersburg zur Vertiefung und Institutionalisierung der Kooperation verabschiedete Bodenseeleitbild, sogar Rechtswirkung vor Gericht oder wurden wie die Richtlinien der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee zur Reinhaltung des Bodensees in nationales Recht umgesetzt.

Das „Leitbild der IBK für die Bodenseeregion“, beschlossen von den IBK-Regierungschefs am 15.12.2017, formuliert eine grenzüberschreitende Entwicklungsperspektive für die Bodenseeregion im Jahr 2030 als Modell für einen zukunftsfähigen und grenzüberschreitend vernetzten Lebens- und Wirtschaftsraum. Das Leitbild steckt auch die Handlungsfelder für die Kommissionen und Projektgruppen der IBK ab: Standortqualität für Wirtschaft, Arbeit, Wissenschaft und Innovation, Raumstruktur und Verkehrsanbindung, Natur- und Landschaft sowie Attraktivität und Lebensqualität. Ergänzt wird das Leitbild durch eine IBK-Strategie für die nächsten fünf Jahre. Diese dient als Basis für wirkungsvolle Projekte und zur Vertiefung der bestehenden Kooperationen. Dabei kann die Bodenseeregion auf frühere Leitbilder der Jahre 1994 und 2008 sowie bisherige Initiativen und Projekte aufbauen.

Als erste Grenzregion in Europa initiierte die IBK etwa 1998 das Projekt „Bodensee Agenda 21 (BA 21)“ zur Umsetzung der Beschlüsse von Rio de Janeiro. Ziel war es, die Bodenseeregion als Modellregion für nachhaltige Entwicklung zu etablieren. Bereits mit der BA 21 hat die IBK erfolgreich Zukunftsdiskussionen anstoßen können, um den Gedanken der nachhaltigen Entwicklung in der Region zu verankern, insbesondere bei raumordnungsrelevanten Themenfeldern wie „Flächeninanspruchnahme“, „Verkehrssysteme der Zukunft“ oder „Lebensqualität und Nahversorgung“. Die durch die BA 21 angestoßenen Bottom-up-Prozesse, Netzwerke und Projekte wirken teils bis heute nach.

Bereits 2002 definierte man den Bodenseeraum im Landesentwicklungsplan Baden-Württemberg (LEP BW) als „Raum mit besonderen regionalen Entwicklungsaufgaben“. Unterstützt wurde dies durch den Beschluss zur Entwicklung des „Europäischen Verflechtungsraums Bodensee“ im Jahr 2006 durch die Regionalverbände Bodensee-Oberschwaben und Hochrhein-Bodensee.

1 Die Bezeichnung „Bodensee“ leitet sich vom Ortsnamen Bodman ab, der auf althochdeutsch wohl ursprünglich Bodamon lautete. Er bedeutete Auf den Böden, bezeichnete also einen Ort auf einer ebenen Fläche am See (Arno Borst: Bodensee – Geschichte eines Wortes. In: Schriften des Vereins für Geschichte des Bodenseeraums. 99/100, 1982/82, S. 500.)

Quelle:
Website IBK, Abruf am 07.02.2018 unter: www.bodenseekonferenz.org/geschichte